Pressemitteilung
Vielfalt in der Rehabilitation muss ausgebaut und gefördert werden
DGOU-Präsident: „Die Rehabilitation von der Stange reicht schon lange nicht mehr aus“
Berlin, 23.02.2021: Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) setzt sich für die dringend nötige Reform des Rehabilitationssystems in ihrem Fachgebiet ein. In Abhängigkeit von der Schwere einer Erkrankung bzw. Verletzung muss eine differenzierte Rehabilitation stärker ausgebaut und gefördert werden. Davon profitieren würden beispielsweise viele Schwerverletzte, Patienten mit Amputationen oder hochbetagte gebrechliche Menschen. Denn bei ihnen liegt nach einer Operation am Haltungs- und Bewegungsapparat oft ein längerer und komplizierter Heilverlauf vor. Das Dilemma: Eine stationäre Behandlung in der Akut-Klinik ist nicht mehr nötig, aber die Patienten sind noch nicht so fit, dass sie mit den Mitteln einer regulären orthopädischen Anschlussrehabilitation weiter versorgt werden können. Sie gelten deshalb nach den üblichen Standards als nicht „reha-fähig“ und kommen oft in eine Kurzzeitpflege, wo eine rehabilitative Versorgung ausbleibt und für sie eine Phase des Stillstandes beginnt. „Unsere Patienten benötigen eine auf ihr individuelles Leistungsvermögen und ihre spezielle Situation angepasste Rehabilitation. Sie braucht einen festen Platz in der Behandlungskette unserer Patienten. So vermeiden wir, dass Menschen auf das Abstellgleis geraten, die nach jetzigem Standard zu krank für die Standard-Reha sind“, sagt DGOU-Präsident Prof. Dr. Dieter C. Wirtz, Direktor der Klinik und Poliklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Bonn.
Bestimmte Patienten benötigen nach ihrer Akut-Behandlung noch ein hohes Maß an ärztlicher Aufmerksamkeit und Kompetenz. Dazu gehört unter anderem die differenzierte Versorgung mit Schmerzmitteln und ggf. Antibiotika, ein professionelles Wundmanagement und mitunter eine weitere Diagnostik mit Großgeräten sowie oftmals eine spezielle psychologische Unterstützung. Hinzu kommen eine intensivierte Pflege und Einzeltherapien, da diese Patienten nicht gruppenfähig sind. Das alles geht weit über die finanziellen und personellen Möglichkeiten der Standard-Rehabilitation hinaus.
Patienten fallen in ein Reha-Loch
„Fallen die Patienten in das sogenannte Reha-Loch, hat das fatale Folgen. Denn setzt eine Rehabilitation nicht rechtzeitig ein, geht wertvolles Potenzial verloren, wieder gesund zu werden und in ein selbstständiges Leben zurückzukehren. Es drohen mitunter Pflegebedürftigkeit und hohe Folgekosten“, erklärt Prof. Dr. Michael J. Raschke, stellvertretender DGOU-Präsident und Direktor der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Universitätsklinikum Münster.
Dass diese intensive Form der Rehabilitation dringend benötigt wird, zeigt folgende Entwicklung (1): In den letzten Jahren stieg der Anteil der Patienten, die die Kriterien der Reha-Fähigkeit mit weitgehender Selbständigkeit für eine Anschlussrehabilitation bei Entlassung aus dem Krankenhaus noch nicht erfüllen. Dazu zählt unter anderem: belastungsfähig und mobil sein und sich selbst anziehen können. Der Anteil der Direktverlegungen von der Akut-Klinik in die Rehabilitation nahm in den letzten Jahren kontinuierlich ab und die Zeit zwischen dem Akut-Aufenthalt und dem Beginn der Rehabilitation nahm zu.
Spezialisierung in der Medizin muss sich in der Rehabilitation fortsetzen
Gründe für den wachsenden Bedarf an einer intensiven, differenzierten und individuellen Rehabilitation sind die Spezialisierung und Ökonomisierung in der Medizin und der demografische Wandel. „Während sich die Medizin immer mehr spezialisiert, wurde die Rehabilitation politisch vernachlässigt. Heute gelingen Operationen, die noch vor einigen Jahren nicht möglich waren. Und unsere Patienten werden immer älter. Das bringt für die Rehabilitation neue Herausforderungen mit sich“, erklärt der Reha-Mediziner Dr. Bork, DGOU-Sektionsleiter für Rehabilitation und Physikalische Therapie und Chefarzt im orthopädisch-unfallchirurgischem Reha-Zentrum am St. Josef-Stift Sendenhorst. Hinzu kommt: Die Patienten werden seit der im Jahr 2004 eingeführten diagnosebezogenen Fallgruppen (DRG) im Durchschnitt bis zu sieben Tage eher aus dem Krankenhaus entlassen (2). „Komplikationen, die früher noch im Krankenhaus aufgefallen sind, treten jetzt mitunter erst in der Reha auf. Darauf müssen wir vorbereitet sein“, sagt Bork.
Viele Reha-Kliniken haben „aufgerüstet“, um dem Bedarf nach intensiverer Betreuung gerecht zu werden. Doch sie arbeiten dabei unter hohem Kostendruck: Für eine orthopädisch-unfallchirurgische Reha erhalten die Kliniken im Durchschnitt 130 Euro am Tag, Kost und Logis inbegriffen. „Vom normalen Tagessatz ist intensive Rehabilitation nicht zu bezahlen. Wir brauchen ein differenziertes Reha-Konzept für komplizierte und schwere Heilverläufe. Die eine Reha für alle gibt es nur noch in der Antragstellung und Abrechnung, in der Praxis sind die Anforderungen viel größer geworden. Hochleistungsmedizin benötigt eine Hochleistungsrehabilitation, wenn am Ende die bestmögliche Lebensqualität und Teilhabe erreicht werden soll“, sagt Dr. Stefan Simmel vom DGOU-Arbeitskreis Traumarehabilitation und Leitender Arzt für Rehabilitation an der BG Unfallklinik Murnau.
Die Umsetzung eines gestuften Reha-Konzeptes ist nicht nur eine medizinische, sondern vor allem auch eine gesundheitspolitische Aufgabe. „Wir brauchen ein klares politisches Bekenntnis zu einem gestuften Reha-Konzept“, sagt der Reha-Mediziner Prof. Dr. Bernd Kladny, stellvertretender DGOU-Generalsekretär und Chefarzt der Abteilung Orthopädie und Unfallchirurgie an der Fachklinik Herzogenaurach. Dazu sei die bessere Verzahnung unterschiedlicher Kostenträger nötig und ein Netzwerk aus geeigneten Kliniken. Die DGOU-Experten sind sich einig: Auch wenn die zusätzlichen Reformschritte zunächst zu einer Erhöhung der direkten Kosten führen, würden damit Phasen des Stillstandes vermieden, die langfristig höhere Folgekosten verursachen würden.
Referenzen:
1) Medizinische Rehabilitation: Kürzere Akut-Verweildauern erhöhen Aufwand in der Reha:
https://www.aerzteblatt.de/archiv/91463/Medizinische-Rehabilitation-Kuerzere-Akut-Verweildauern-erhoehen-Aufwand-in-der-Reha und Jahresbericht des TraumaRegisters, z.B. 2018
2) Kürzer im Krankenhaus, kränker zur Reha:
https://www.uni-muenster.de/news/view.php?cmdid=5254&lang=en
3) Phasenmodell in der orthopädisch-unfallchirurgischen Reha, Mitteilungen und Nachrichten – Orthopädie und Unfallchirurgie; 2017
https://www.springermedizin.de/sektion-rehabilitation/15304700
4) Phasenmodell der Traumarehabilitation – Wie können wir das „Rehaloch“ vermeiden? Unfallchirurg DOI 10.1007/s00113-017-0389-z, 2017
file:///C:/Users/sherda/AppData/Local/Temp/Simmel2017_Article_PhasenmodellDerTraumarehabilit.pdf
5) Aktuelle Aspekte zu Zugang und Therapie in der Rehabilitation, OUP 03/2020
https://www.online-oup.de/article/aktuelle-aspekte-zu-zugang-und-therapie-in-der-rehabilitation/informationen-aus-der-gesellschaft/y/m/1697
Weitere Informationen:
www.dgou.de
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