50 Jahre Notfallnummern „110“ und „112“

Jubiläum
Blaulicht Polizei und Krankenwagen
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Schon die Kinder lernen in der Schule: Wer schnell Hilfe braucht, wählt die 112 für Notarzt und Feuerwehr oder die 110 für die Polizei. Was heute selbstverständlich ist, war bis Anfang der 1970er Jahre äußerst umständlich, denn es gab keine einheitlichen Notrufnummern. Erst der tragische Unfalltod von Björn Steiger und der jahrelange Kampf seiner Eltern, Ute und Siegfried Steiger, brachten eine positive Wende in der Notfallhilfe. Denn am 20. September 1973 beschlossen die Regierungschefs von Bund und Ländern, die Notrufnummern einzuführen. Genau 50 Jahre später feierte die eigens gegründete Björn Steiger Stiftung den historischen Beschluss mit einem Festakt im Museum für Kommunikation in Berlin. Zu den Gästen des Abends zählten Mitarbeitende aus Rettungsdiensten und Hilfsorganisationen sowie Prominente aus Wirtschaft und Wissenschaft, Politik und Verwaltung, wie Verkehrsminister Dr. Volker Wissing. Mitten im bunten Treiben war auch DGU-Generalsekretär Prof. Dr. Dietmar Pennig.

Wie bei jeder Jubiläumsfeier wird zurückgeblickt: Wie war die Situation vor 50 Jahren? Anders als in der damaligen DDR, wo die 110 und 112 bereits seit 1958 eingeführt war, gab es im restlichen Deutschland Anfang der 70er kein funktionierendes Rettungssystem. Vor allem in ländlichen Regionen mussten die örtlichen Notrufnummern im Telefonbuch nachgeschlagen werden – wertvolle Zeit, die das Leben vieler Menschen kostete, wie auch das von Björn Steiger.

Der Achtjährige war am 3. Mai 1969 in Winnenden bei Stuttgart auf dem Heimweg vom Schwimmbad von einem Auto erfasst worden. Fast eine Stunde brauchte der Krankenwagen bis zum Unfallort. Björn starb auf dem Weg ins Krankenhaus nicht unmittelbar an seinen Verletzungen, sondern an einem Schock. Zwei Monate nach dem Unfall gründeten Ute und Siegfried Steiger die Björn Steiger Stiftung mit dem Ziel, die Notfallhilfe in Deutschland zu verbessern.

Notfallversorgung bedarf weiterer Reformen

Bis heute ist die Stiftung die treibende Kraft für ein besseres Rettungswesen mit bundesweit einheitlichen Notrufnummern. Mittlerweile werden in Deutschland jährlich rund 15 Millionen Notrufe abgesetzt – ein Großteil davon über die Mobilfunknetze. Problematisch sei aber das mittlerweile veraltete System, kritisierte Pierre-Enric Steiger, Sohn der Stifter und Präsident der Björn Steiger Stiftung, auf der Jubiläumsveranstaltung. So forderte er eine dringende Reform der Notrufzentralen mit dem Einsatz digitaler Verfahren, um die Patientinnen und Patienten zu steuern.

Bereits in seiner Eröffnungsrede lobte Verkehrsminister Dr. Volker Wissing das Engagement der Stiftung als „wertvolles Stück Teamarbeit“ und gibt unter anderem mit den 112-E-Calls in Autos einen Ausblick auf die Zukunft der Nothilfe. „Digitaler Fortschritt sorgt für ein zuverlässiges Notrufsystem, für schnelle Hilfe und mehr Sicherheit“, sagt der Minister.

Verbesserte Digitalisierung der Leitstellen

Auch DGU-Generalsekretär Prof. Dr. Dietmar Pennig würdigt den Kampf der Familie Steiger. „In den letzten 50 Jahren hat die Stiftung eine Reihe von wichtigen Projekten zur Verbesserung der Notfallversorgung auf den Weg gebracht. Dieser privaten Initiative war kein Aufwand zu groß, neue Ansätze im Rettungswesen zu entwickeln und zu unterstützen.“ Für die Zukunft der Notfallversorgung schließt er sich Wissings Meinung an: „Der nächste wesentliche Schritt wird die verbesserte Digitalisierung der Leitstellen und der gesamten Rettungskette sein müssen. Hierzu bedarf es des Engagements des Staates in einem deutlichen größeren Rahmen als bisher. Auch der Datenschutz darf nicht als Hemmschuh funktionieren.“

Die Björn Steiger Stiftung setzt ihr Engagement zugunsten der Notfallpatienten fort. Aktuelle Initiativen widmen sich dem Kampf gegen den Herztod, der Breitenausbildung in Wiederbelebung, der Sensibilisierung von Kindern und Jugendlichen für den Notfall und dem Frühgeborenen-Transport.

Hintergrund

Das Engagement der Björn Steiger Stiftung setzte sich auch weltweit durch. Knapp 20 Jahre später übernahm die EU das deutsche Vorbild einer zentralen Notrufnummer – mit gleicher Ziffernfolge. Seit 1991 gilt europaweit die 112. Egal, wo auf der Welt man diese Nummer wählt, der Anruf wird immer auf die örtlich gültige Notfallnummer umgeleitet – in den USA etwa auf die 911.