Sichere Chirurgie beim Massenanfall von Verletzten – sind wir bereit?

Statement zum DCK 2025
Polizei sperrt Straße ab
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Beim Auftreten des Massenanfalls von Verletzten (MANV) sind lokale, regionale und überregionale Ereignisse zu betrachten. Großschadensfälle im Bereich des Verkehrswesens sind anders zu bewerten als Terroranschläge wie zuletzt in Magdeburg, Aschaffenburg und München. Gemeinsam ist beiden allerdings, dass eine lokale Überlastungssituation der Kliniken durch die Vielzahl von Verletzten und eine insgesamt zumindest in den ersten Stunden unübersichtliche Gesamtlage vorliegt. In beiden Fällen gilt allerdings die Golden Hour of Trauma für die optimale Versorgung der Verletzten gemäß Weißbuch Schwerverletztenversorgung der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU). Zu diesem Thema referierte DGOU-Generalsekretär Prof. Dr. Dietmar Pennig auf der Online-Pressekonferenz am 18. März 2025 im Vorfeld des Deutschen Chirurgen Kongresses (DCK).

Das Nadelöhr in der Versorgung stellt die Schockraumkapazität, die Verfügbarkeit von Operationssälen und die Intensivkapazität dar. Zur Vermeidung von Verzögerungen in der Versorgung gerade bei einem Massenanfall ist daher die Aktivierung der Strukturen des TraumaNetzwerkes in der Region für lokale und regionale Schadensfälle der erprobte und vielfach erfolgreich eingesetzte Lösungsweg. 

Betten der TraumaNetzwerke werden in Versorgung einbezogen

Bei überregionalen Ereignissen ist eine andere Aktivierungsmodalität erforderlich. Diese Massenanfälle stellen beispielsweise die Auslösung des Bündnisfalls oder der Landesverteidigung dar. Hier muss der Zugriff auf die 52 TraumaNetzwerke in Deutschland genutzt werden, um die etwa 35.000 Betten mit den dort vorhanden Kapazitäten in operativer Hinsicht einzubringen. Die fünf Bundeswehrkrankenhäuser verfügen über 1.800 Betten, die nachgeschalteten neun Berufsgenossenschaftlichen Kliniken über etwa 2.200 Betten. Diese Betten sind bereits Teil des TraumaNetzwerk Deutschland und werden über einen entsprechenden Alarmierungsmechanismus in die Versorgung einbezogen. Hierfür gilt es, in naher Zukunft neben festgelegten Abläufen weitere Voraussetzungen zu schaffen:

  • Alle Schwerverletzten werden nach den Algorithmen evidenzbasierter Leitlinien behandelt, unter anderem entsprechend der S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletztenversorgung der DGU.
  • Alle Kliniken nehmen an internen und externen qualitätssichernden Maßnahmen teil. Dazu gehört die verpflichtende Dokumentation der Behandlungsdaten von Unfallverletzten im TraumaRegister DGU®. Anhand dieser Daten werden Aussagen zur Versorgungsqualität ermöglicht und medizinische Behandlungsmethoden auf ihre Effektivität hin überprüft. Im Jahr 2023 wurde die Versorgung von 31.217 Schwerverletzten im TraumaRegister DGU® dokumentiert.
  • Ärzte und Pflegepersonal werden durch Hospitationen, Austauschprogramme und gezielte Fort- und Weiterbildungsprogramme wie Advanced Trauma Life Support (ATLS®) qualifiziert. Spezifische Schulungen für die besonderen Verletzungsmuster im Terror – und Desaster – Umfeld sind zu ermöglichen und zu finanzieren.
  • Das bereits bestehende Projekt TeleKooperation TNW® ermöglicht eine flächendeckende telemedizinische Kommunikation innerhalb der TraumaNetzwerke zur schnellen Übermittlung von Bilddaten und anderen Informationen (z.B. verfügbare Kapazitäten in den Krankenhäusern des TNW).

Rolle der TraumaNetzwerke im Falle der Bündnis- und Landesverteidigung

Die TraumaNetzwerke in Deutschland sind dezentral organisiert, jedoch zentral und belastbar ansprechbar. Dies wurde zuletzt bei der Versorgung ukrainischer Kriegsverletzter deutlich: Innerhalb weniger Stunden nach Beginn des Angriffskrieges waren die Netzwerke koordiniert und auf die Aufnahme von Verletzten vorbereitet. 

Eine zentrale Ansprechbarkeit ist essenziell für die effiziente Verteilung von Verletzten im sogenannten Push-Modus. Simulationen zufolge könnten im NATO-Bündnisfall über 1.000 Kriegsverletzte pro Tag versorgt werden müssen. Die mehr als 600 zertifizierten Kliniken des TraumaNetzwerks mit insgesamt mehr als 35.000 Betten im Bereich Orthopädie und Unfallchirurgie (>6600 qualifizierte Ärztinnen und Ärzte) sind daher unverzichtbar für die Bewältigung eines solchen Szenarios. Die über dieses System koordinierte und telemedizinisch unterstützte Zusammenarbeit aller chirurgischen Disziplinen mit Einbeziehung der anästhesielogischen und intensivmedizinischen Kapazitäten ist als Grundvoraussetzung zur Bewältigung dieser in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland einzigartigen Krisensituation zu definieren.  

Die rasche Weiterverlegung von Patienten wie im TraumaNetzwerk etabliert, ist essenziell für die Aufrechterhaltung der gesamten medizinischen Versorgung. Während bei der Verteilung ukrainischer Kriegsverletzter noch nach individuellen Kapazitäten gefragt werden konnte (Pull-Modus), wäre im Fall der Bündnis- und Landesverteidigung eine unmittelbare Freigabe von Betten erforderlich (Push-Modus). Dies setzt eine übergeordnete zivil-militärische Kommunikations- und Kommandostruktur voraus. Ein gemeinsamer Brückenkopf zwischen ziviler und militärischer Seite ist unabdingbar notwendig, um die Versorgung effektiv zu steuern und Engpässe zu vermeiden. Die bestehende TeleKooperation TNW® zur Abfrage der Versorgungskapazitäten und zur Kommunikation unter der Kliniken ist in diesem Zusammenhang als wesentlich zu definieren.  

Vorbereitende Qualifikation von Personal

Weitere Aspekte wie die ausreichende Bevorratung oder die vorbereitende Qualifikation von Personal wurden in der bisherigen Kooperation zwischen DGU und dem Sanitätsdienst der Bundeswehr mehrfach erörtert. Entsprechende Konzepte liegen vor, bedürfen jedoch einer ausreichenden und flächendeckenden Finanzierung. Es existieren Konzepte zur Bevorratung von Material wie etwa dem Berliner Notfallsieb oder von Fixateur-Externe-Systemen in den Netzwerken. Hier ist jedoch eine langfristig gesicherte externe Finanzierung erforderlich, die aus den Mitteln der Fachgesellschaft und der teilnehmenden Kliniken nicht zu leisten ist und eine gesamtstaatliche Aufgabe darstellt. 

Die Sicherheitslage in Deutschland und Europa durch die Positionierung der US-amerikanischen Regierung auf der Münchner Sicherheitskonferenz hat eine signifikante Verschärfung erfahren. Vordringlich in der Konsequenz und zeitnah umzusetzen sind die Implementierung der zivil – militärischen Zusammenarbeit zum Schutz der Bevölkerung und damit der Daseinsvorsorge. 

Ein Zögern im Auf- und Ausbau der notwendigen Strukturen ist aus Sicht der Fachgesellschaften nicht hinnehmbar und muss als gefährdend eingestuft werden. Die Kliniken des TraumaNetzwerk Deutschland mit den assoziierten Versorgungseinrichtungen benötigen die Einstufung als kritische Infrastruktur, um im Rahmen der Konzeption eines Sicherstellungsgesetzes die Versorgung der Zivilbevölkerung und auch der auf dem Territorium der Bundesrepublik befindlichen NATO – Soldaten zu gewährleisten.

Quellen:

https://www.springermedizin.de/orthopaedie-und-unfallchirurgie/standardisierte-notfallop-instrumentarien-fuer-kritische-lagen/16796310 

Schweigkofler, U., Kleber, C., Auhuber, T.C. et al. Kostenabschätzung für MANV-Übungen im Krankenhaus. Unfallchirurg 122, 381–386 (2019). doi.org/10.1007/s00113-019-0619-7

Gemeinsame Pressemitteilung von DGOU und DGU: Es braucht mehr Übung: Fachgesellschaften fordern festes Budget für Kliniken zur Vorbereitung auf einen Massenanfall von Verletzten